Warum Dein Fotogeschmack nicht wirklich Dein eigener ist. Und warum das der erste Schritt zu einem echten eigenen Stil ist.

von Lars Ihring

Der eigene Blick, den es vielleicht nicht gibt

Ich habe an einem Sonntagvormittag eine Kiste mit alten Fotoalben aufgemacht. Bilder aus den späten Siebzigern bis in die frühen Zweitausender, aus meiner Kindheit, von meiner Familie. Beim Durchblättern ist mir etwas aufgefallen, das mich seitdem nicht ganz loslässt: Diese Fotos funktionieren. Perspektivische Linien, die symmetrisch nach hinten laufen. Personen leicht außermittig platziert. Eine Diagonale zwischen groß im Vordergrund und klein im Hintergrund, mit einer klaren Blickführung dazwischen. Alles Muster, die ich heute mit Begriffen wie Drittelregel oder goldener Schnitt benennen kann.

Mein Vater hat nie einen Fotokurs besucht. Es gab keine Weiterbildung, kein Buch über Bildgestaltung, das in unserem Regal stand. Trotzdem sind die Fotos gestaltet, als hätte jemand die Regeln gekannt. Diese Beobachtung ist der Ausgangspunkt für eine Frage, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt, wie es zunächst scheint: Woher kommt das eigentlich, dieses Wissen, wie ein Bild aussehen soll?

Der eingeschliffene Geschmack

Bei der Suche nach einer Antwort bin ich auf einen Begriff aus der Soziologie gestoßen, den Habitus. Die Grundidee dahinter: Geschmack, auch der visuelle, ist nicht angeboren. Er entsteht durch das, was ein Mensch von klein auf um sich hat und wiederholt sieht. Fernsehen, Zeitungen, Werbung, die Fotoalben der Eltern. Man nimmt diese Bilder nicht als Lehrmaterial wahr, sondern einfach als Umgebung. Und genau darin liegt das Interessante an dem Konzept: Man merkt gar nicht, dass man geprägt wird.

Ich habe es früher so beschrieben, dass jedes Bild, das man sieht, in Bruchteilen einer Sekunde sortiert wird, in gefällt mir oder gefällt mir nicht. Bei den Bildern, die gefallen, bleibt der Blick länger. Und ich bin überzeugt davon, dass genau dort etwas passiert, das über bloßes Anschauen hinausgeht. Man zieht sich Gestaltungsmerkmale heraus, ohne es zu bemerken, und wendet sie später selbst an. Über Jahre entsteht so etwas, das sich wie ein eigener Stil anfühlt, das aber eigentlich eine Ansammlung von Einflüssen ist, die man nie bewusst gewählt hat.

Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass es keinen Lehrer gibt, der einen auf die Mechanik hinweist. Niemand sagt einem Kind, das seinen Vater beim Fotografieren beobachtet: Das ist jetzt die Drittelregel. Das Kind sieht einfach ein Foto, das ihm gefällt, und später macht es unbewusst dasselbe. Es gibt keinen Moment, in dem man sagen könnte, das habe ich von der Person gelernt. Die Prägung bleibt anonym.

Von der Fotokiste zum Feed

Früher waren die Quellen für diese Prägung überschaubar. Die Fotoalben der Eltern, ein paar Zeitschriften, vielleicht ein Fotobuch, ein paar Filme. Man konnte relativ genau sagen, was einem überhaupt zur Verfügung stand. Heute ist die Menge an Bildern, die einen täglich erreicht, kaum noch zu überblicken. Social Media hat die Bildmenge nicht nur vergrößert, sondern auch die Funktion von Fotos verändert. Ein Foto ist heute selten nur ein Bild für sich. Es ist eine Nachricht. Wer etwas postet, will meistens etwas mitteilen: Ich war hier, ich sehe das, mir geht es so. Die Rezeption hat sich damit ebenso verändert wie die Produktion.

Und mit dieser Veränderung kommt ein Mechanismus ins Spiel, der früher schlicht nicht existierte: der Algorithmus, der auswählt, was man sieht, basierend darauf, was viele Menschen bereits gemocht haben. Auf Instagram gibt es einen Account, der zeigt, wie sich Bildstile über die Zeit angleichen. Ein Foto, das viral geht, ein einsamer Wanderer auf einem Felsvorsprung, ein einzelner Nadelbaum, der aus gedämpften Farben heraussticht, wird zur Vorlage für unzählige weitere Fotos desselben Typs. Immer derselbe Wasserfall, dieselbe Farbstimmung, dasselbe Thema Einsamkeit. Was viel Zuspruch bekommt, wird kopiert, und was kopiert wird, bekommt noch mehr Zuspruch. Der Geschmack verengt sich dadurch in Richtung eines Mainstreams, während das, was davon abweicht, seltener gesehen und seltener belohnt wird.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass dieses Kopieren fast nie bewusst geschieht. Wer durch einen Feed scrollt, ein Bild mag und liked, merkt nicht, wie der Algorithmus daraufhin ähnliche Bilder häufiger anzeigt. Irgendwann gehört dieser Bildtyp zur eigenen Normalität. Steht man dann selbst an einem ähnlichen Ort, fotografiert man ähnlich, nicht weil man sich erinnert, das Motiv zwanzig Mal gesehen zu haben, sondern weil es einem in dem Moment einfach gefällt. Die Kopie fühlt sich wie eine eigene Entscheidung an.

Zwei Erklärungen für denselben Befund

Damit stellt sich die eigentlich unbequeme Frage: Wie viel von dem, was ich für meinen Geschmack halte, für meinen fotografischen Stil, ist überhaupt meins?

Es gibt zwei Arten, diese Frage zu beantworten, und sie führen zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Die erste Erklärung, die Illusion-These,  geht davon aus, dass der eigene Blick eine Illusion ist. Alles, was ich fotografisch mache, wäre dann eine Summe von Einflüssen, die ich aufgesogen habe, ohne sie zu hinterfragen. Ich würde Muster zitieren, die andere geprägt haben, und diese Zitate anschließend für meinen persönlichen Ausdruck halten. In dieser Lesart ist mein fotografischer Stil im Kern ein Echo, das ich für meine eigene Stimme halte.

Die zweite Erklärung, die Collage-These,  lässt der eigenen Person mehr Raum. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens eine sehr große Zahl an visuellen Einflüssen ansammelt, und dass die entscheidende Leistung nicht im Erfinden neuer Formen liegt, sondern in der Auswahl und Kombination der vorhandenen. Aus vielen möglichen Mustern greift man sich bestimmte heraus und lässt andere bewusst weg. Diese Auswahl, diese Art, verschiedene Einflüsse zu einer eigenen Mischung zusammenzusetzen, wäre dann tatsächlich etwas Persönliches, selbst wenn keines der einzelnen Elemente neu erfunden wurde.

Beide Erklärungen beschreiben denselben Befund, ziehen daraus aber gegensätzliche Konsequenzen. Die eine sagt: Es gibt im Grunde keinen eigenen Stil, nur besser oder schlechter versteckte Kopien. Die andere sagt: Der eigene Stil entsteht gerade durch die Art, wie man Kopien mischt.

Warum die Illusion-These zu kurz greift

Ich halte die zweite Erklärung für die treffendere, allerdings nicht ohne Einschränkung. Die Illusion-These hat einen blinden Fleck: Sie behandelt Auswahl, als wäre sie keine eigene Handlung. Wenn ich aus tausend gesehenen Bildern hundert Merkmale übernehme und neunhundert verwerfe, dann ist dieses Verwerfen kein Zufall. Es hat mit dem zu tun, was mir wichtig ist, was mich interessiert, wie ich die Welt sehen möchte. Zwei Menschen, die exakt denselben visuellen Einflüssen ausgesetzt waren, denselben Fotoalben, denselben Feeds, entwickeln trotzdem unterschiedliche fotografische Handschriften. Das allein spricht gegen die Vorstellung, hier würde nur mechanisch kopiert. Die Auswahl selbst ist die eigentliche Handlung. 

Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Collage-These als vollständige Entwarnung zu lesen, im Sinne von: Also ist am Ende doch alles authentisch, was ich mache. Die Qualität der eigenen Auswahl hängt direkt davon ab, wie bewusst sie getroffen wird. Wer nie hinterfragt, warum ihm ein bestimmtes Motiv gefällt, wer einfach dem folgt, was der Feed anbietet, trifft streng genommen gar keine Auswahl, sondern lässt sich treiben. Die Collage-These setzt voraus, dass überhaupt eine Wahl stattfindet, und diese Wahl setzt wiederum ein Mindestmaß an Reflexion voraus. Ohne diese Reflexion verschwimmt der Unterschied zwischen den beiden Erklärungen wieder, weil dann auch die Collage nur aus den Bausteinen besteht, die der Algorithmus gerade am häufigsten ausgespielt hat.

Ein Kind mit Kamera als Testfall

Ein Gedanke dazu, der mich seit einer Weile begleitet: Was wäre, wenn ein Kind mit einer Kamera losgeschickt würde, ohne jemals ein Foto gesehen zu haben? Diese Situation lässt sich praktisch kaum herstellen, denn selbst ein sehr junges Kind hat längst unzählige Bilder gesehen, von den Eltern gemachte Fotos eingeschlossen. Genau das macht den Gedanken aber interessant. Sobald ein Kind selbst zur Kamera greift, zeigt sich vermutlich schon eine Handschrift, die von den Eltern beeinflusst ist, obwohl das Kind selbst nichts davon weiß und niemand es ihm erklärt hat. Der vermeintlich unschuldige Blick, der Blick ohne jede Prägung, existiert wahrscheinlich gar nicht, sobald ein Mensch überhaupt schon einmal ein Bild gesehen hat. Und das ist praktisch von Geburt an der Fall.

Das bedeutet nicht, dass jede Prägung gleich stark oder gleich bewusst ist. Es bedeutet nur, dass die Suche nach einem völlig unbeeinflussten Ausgangspunkt vermutlich ins Leere läuft. Die interessantere Frage ist nicht, ob Einflüsse vorhanden sind, sondern was man mit ihnen macht.

Der kleine Fotograf war hier vier Jahre alt, hatte noch keine Ahnung von Drittelregel oder Führungslinien, und trotzdem sitzt die Ente fast genau im Drittel-Schnittpunkt, während die Stegkante als Diagonale schön zu ihr hinzieht. Nur der Finger vor der Linse zeigt, wer hier wirklich am Werk war.

Was daraus für die eigene Fotografie folgt

Wenn die Auswahl der entscheidende Faktor ist, dann lohnt es sich, diese Auswahl bewusster zu treffen, statt sie dem Zufall des Feeds zu überlassen. Das kann sehr konkret aussehen: Beim Betrachten eines Fotos, das einem gefällt, kurz stehen bleiben und fragen, was genau daran wirkt. Ist es die Farbstimmung, die Linienführung, das Motiv selbst? Wer das benennen kann, hat die Möglichkeit, gezielt zu entscheiden, ob er dieses Element übernehmen will oder nicht, statt es unbemerkt zu absorbieren.

Ein zweiter Ansatzpunkt liegt in der bewussten Auswahl der eigenen Bildquellen. Wer ausschließlich denselben algorithmisch kuratierten Feed konsumiert wie Millionen andere, wird kaum überrascht sein, wenn die eigenen Fotos irgendwann denselben wenigen Vorlagen ähneln. Alte Fotobücher, Ausstellungen, Fotografien aus anderen Zeiten oder Kulturkreisen, die nicht durch denselben algorithmischen Filter gelaufen sind, bringen andere Muster ins Spiel, aus denen sich wieder etwas Eigenes zusammensetzen lässt.

Und drittens hilft es, sich selbst gelegentlich zu fragen, warum man ein bestimmtes Motiv gerade jetzt fotografieren möchte. Nicht um sich das Fotografieren zu verderben, sondern um den Unterschied zu spüren zwischen einem Bild, das man wirklich machen will, weil es einen persönlich interessiert, und einem Bild, das man macht, weil man es schon zwanzig Mal gesehen hat und es sich deshalb richtig anfühlt.

Die alten Fotoalben, die mich zu diesen Überlegungen gebracht haben, haben mir am Ende noch etwas anderes gezeigt: Meine Eltern hatten keinen Zugang zu einer Theorie der Bildgestaltung, aber sie hatten einen begrenzten, klaren Ausschnitt an Bildern, der sie geprägt hat, und daraus etwas gemacht, das über Jahrzehnte in der Familie als eigener Stil weitergegeben wurde. Der Unterschied zu heute liegt vielleicht weniger darin, dass wir stärker geprägt sind als frühere Generationen, sondern darin, dass die Menge und Geschwindigkeit der Einflüsse es schwerer machen, die eigene Auswahl bewusst zu treffen. Genau deshalb lohnt sich der Blick zurück in die eigene Bildgeschichte, nicht um sie zu kopieren, sondern um zu verstehen, welche Entscheidungen darin bereits stecken.

Auf die Suche nach dem eigenen Prägemoment gehen

Vielleicht hilft ein einfacher Versuch weiter: die eigene Fotokiste oder den eigenen Ordner mit alten Bildern noch einmal durchgehen, nicht auf der Suche nach guten Fotos, sondern auf der Suche nach dem Moment, der den eigenen Blick geprägt hat. Ein bestimmtes Foto aus der Kindheit, ein Filmstill, eine Werbung, eine Tapete. Wer diesen Moment findet, versteht meist auch besser, warum er heute genau so und nicht anders fotografiert. Was war das bei dir? Schreib es in die Kommentare, ich bin gespannt, welche Prägungen dabei zusammenkommen.

494 – Der Blick, den mir niemand beigebracht hat

Die Podcast-Sendung zum Thema: Beim Durchblättern alter Familien-Fotoalben ist mir etwas aufgefallen, das mich nicht mehr losgelassen hat. Die Bilder stammen von meinen Eltern und meiner Familie – alles fotografische Laien. Und trotzdem wirken viele der Aufnahmen erstaunlich stimmig und gut gestaltet. Wie kann das sein? Woher kommt dieses Gespür für Bildgestaltung, wenn man sich nie bewusst mit Fotografie beschäftigt hat? Und wie entsteht eigentlich unser fotografischer Blick?

In dieser Solofolge gehe ich genau diesen Fragen nach. Ich spreche darüber, wie uns Bilder ein Leben lang prägen, welchen Einfluss Familie, Filme, Werbung und heute Social Media auf unseren Geschmack haben und warum wir vielleicht viel mehr übernehmen, als uns bewusst ist. Eine Folge über Bildgestaltung, unbewusste Prägungen und die spannende Frage, wie viel von unserem fotografischen Stil wirklich unser eigener ist.

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